 | Reiseführer
USA Südwesten   –   Crack Canyon |
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Weiter geht es durch diese Röhre hindurch. Die Felswände weichen nun zurück, schwingen sich in weitem Bogen vom sandigen Bachbett hinauf zum Himmel. Auch hier treffen jetzt die ersten Sonnenstrahlen auf die Felsen. Auch hier der gleiche Farbenzauber, doch diesmal in Gold. Grauer Fels, der sich von der Sonne berührt, in Gold verwandelt, für wenige Minuten nur, aber gerade deswegen ein unvergessliches Schauspiel. Akt zwei der Theateraufführung hier im Crack Canyon.

Noch ganz verzaubert von dieser Stimmung gehe ich noch weiter bis zu einem etwa drei Meter tiefen Felsabsturz. Nach einem prüfenden Blick hinunter und einem letzten Foto in die daran anschließenden Narrows beschließe ich, meine Wanderung an dieser Stelle zu beenden. Hinunter kommen würde ich schon, nur hinauf nicht mehr, denn der Fels ist abgeschliffen und glattpoliert wie eine Rutschbahn. Also gut. Dann gehe ich eben wieder zurück.

Mittlerweile ist es auch schon später Vormittag. Erst jetzt, als die Sonne direkt in den Canyon scheint, merke ich, wie heiß es ist. Schatten gibt es jetzt auch keinen mehr. Also nichts wie zurück! Am Canyonausgang angelangt, schaue ich mir noch kurz einen seltsam verdrehten Baumstamm an der Wilderness Boundary an und folge dann meinen eigenen Fußspuren zurück durch den Wash.
Gedankenverloren und etwas hastig laufe ich zurück, nichts wie weg hier aus dieser offenen, ausgetrockneten Wüstenlandschaft. Doch plötzlich bleibe ich stehen. Irgendetwas stimmt nicht. Das ist nicht der Weg, auf dem ich gekommen bin. Ich schaue zurück, nach links, geradeaus. Wahrscheinlich habe ich hier auf diesen Felsplatten die falsche Abzweigung genommen. Also wieder zurück. Leider sieht man auf den Felsen keine Fußspuren, und Steinmännchen kann ich auch keine finden. Na, dann eben nicht. Vielleicht ist es dieser Wash hier auf der anderen Seite. So ungefähr weiß ich ja die Richtung. Ich muss nur in einem großen Bogen vom Reef weg und dann irgendwie nach links zurück zur Straße. Wahrscheinlich treffe ich dann irgendwann auch wieder den Weg.
Während ich weitergehe, streift mein Blick über die vor mir liegende Wüstenlandschaft. Erst jetzt fällt mir auf, wie eintönig und unübersichtlich das Gelände ist. Kein einziger markanter Wegpunkt. Nur dieses Gewirr aus Hügeln und tief eingeschnittenen Washes. Nicht ein Wash, sondern Hunderte von Washes, ein ganzes Netzwerk, das sich ständig verzweigt und in alle möglichen Richtungen führt, nur nicht zurück zur Straße.

Vielleicht sollte ich versuchen, wieder die Fußspuren zu finden, den Weg, den ich heute morgen gegangen bin. Also zurück, zurück, und dann nochmal zurück. Hier sind Fußspuren. Sie führen nach links. Aber sind das jetzt die Fußspuren von heute morgen, oder ist das vielleicht einer der falschen Wege, die ich gerade vor ein paar Minuten gegangen bin? Ich schaue mich um, versuche, herauszufinden, wo ich bin. Aber jetzt, in der flirrenden Mittagshitze sieht alles so ganz anders aus als am Morgen. Und die Straße? Sie kann doch nicht so weit weg von den Felsen sein. Oder doch? Vielleicht bin ich ja auch schon viel zu weit nördlich.
Auf einmal taucht so etwas wie Angst in mir auf. Das hier ist kein kurzer Hike mehr, kein einfacher Trip in den Canyon und zurück. Ich weiß tatsächlich nicht mehr, wo ich bin und wie ich hier wieder herauskommen soll. Außerdem ist es fast schon Mittag, die Sonne brennt jetzt gnadenlos vom Himmel. Kein Schatten weit und breit. Und Wasser habe ich auch nicht mehr viel. Wenn ich weiter so herumrenne, reicht es höchstens noch ein paar Stunden. Und dann? Jetzt im August kommt so gut wie niemand in diese Gegend, und wenn, dann ins Goblin Valley, aber nicht hierher, in die abgelegene Crack Canyon Wilderness. Kein Mensch weiß, wo ich bin. Niemand. Nicht einmal der Ranger. Ich muss hier raus. Irgendwas muss ich mir einfallen lassen, um hier wieder herauszufinden. Und zwar schnell.
Wahrscheinlich ist die Lösung, nicht mehr diesen tiefen Washes zu folgen, die mich doch immer wieder nur in die Irre führen. Ich muss so weit wie möglich nach oben, auf einen dieser Felsenhügel, um einen Überblick über das Gelände zu bekommen.Vielleicht sehe ich von dort oben die Straße. Und wenn ich die Straße gefunden habe, finde ich auch irgendwann mein Auto. Über Sand, loses Geröll und Kakteengestrüpp stapfe ich die nächste Mesa hinauf. Oben angekommen gleitet mein Blick langsam über das Gelände. Aber es ist nichts zu sehen. Absolut nichts, kein Weg, keine Straße. Also wieder hinunter und den nächsten Berg hinauf, einen der höher ist, damit der Blick weiter reicht. Und dann plötzlich sehe ich sie, die Straße, oder besser gesagt, einen winzigen schmalen rotbraunen Feldweg, der sich weit entfernt um die Hügel windet. Was für eine Erleichterung! Jetzt weiß ich zumindest, in welche Richtung ich gehen muss.
Ohne mich um irgendwelche Hindernisse oder Washes mehr zu kümmern, laufe ich jetzt bergab und dann querfeldein in die Richtung, die ich mir von oben eingeprägt habe. Nach einer halben Stunde habe ich endlich die Straße erreicht. Aber hier stellt sich gleich die nächste Frage. In welche Richtung soll ich gehen? Nach links oder nach rechts? Mein Auto habe ich ja von oben noch nicht entdeckt. Nach kurzem Zögern entscheide ich mich, der Straße nach links zu folgen. Sicher bin ich mir nicht, aber ich kann ja ungefähr eine Stunde in diese Richtung laufen. Wenn ich mein Auto dann noch nicht gefunden habe, werde ich irgendwo unter einem der kleinen Wacholderbüsche Schatten suchen und warten, bis es dunkel wird. Am nächsten Morgen, wenn es noch kühl ist, werde ich es dann in die andere Richtung probieren. Einfach um bei dieser wahnsinnigen Hitze Kraft und Wasser zu sparen.
Kurve um Kurve gehe ich die Straße entlang. Eine Meile, zwei. Und dann plötzlich, hinter einer Biegung, sehe ich vor mir ein silberglänzendes Fahrzeug am Straßenrand geparkt.

Ich habe es geschafft. Ich bin hier raus. Wieder zurück. Zurück an meinem Fahrzeug. Fast zwei Stunden habe ich verzweifelt danach gesucht, und da steht es vor mir. Was für ein wunderbares Gefühl, was für eine unglaubliche Erleichterung. Erst jetzt habe ich wieder die Gelassenheit, stehen zu bleiben und ein Foto zu machen.
Ich öffne den Kofferraum, setze mich auf die Pritsche in den Schatten und verspeise nacheinander zwei große, saftige Pfirsiche. Das hier ist mein Zuhause, ‚my rolling home', hier ist alles, was ich brauche, Wasser, Lebensmittel, ein bisschen Schatten - und hier hinten auf der Rückbank liegt auch das GPS, das ich heute morgen nicht mitgenommen habe, weil ich nicht im Traum daran gedacht habe, dass ich es hier vielleicht brauchen könnte.
 
 
  Fotos Crack Canyon Teil 1